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CodexMundi Gelehrter Atlas der Sinne, die beim Überschreiten von Grenzen verloren gehen

← Kinesik — Gesten

Das Abschiedswinken vs. die Wegscheuch-Geste

In Japan und Teilen Asiens bedeutet das Winken mit der Handfläche nach unten 'Komm her' (temaneki). Für westliche Augen sieht dieses Flattern wie Wegscheuchen aus. Die exakte Umkehrung der Absicht.

Vollständig✓ GeprüftMissverständnis

Kategorie : Kinesik — GestenUnterkategorie : salutations-departsVertrauensniveau : 3/5 (dokumentierte Hypothese)Benutzername : e0089

Bedeutung

Zielrichtung : Jemanden höflich herbeirufen: in Japan (temaneki), auf den Philippinen, in Korea, China und Vietnam winkt die Hand mit der Handfläche nach unten, die Finger zu sich heranklappend: 'Komm her' — freundlich und völlig höflich.

Interpretierter Sinn : Für westliche Augen gleicht dieses Flattern mit der Handfläche nach unten aufs Haar der verscheuchenden Geste: 'Geh weg', 'husch'. Die Einladung wird als verächtliche Abfertigung gelesen — der Besucher glaubt, er werde weggeschickt, obwohl er gerufen wird.

Geographie des Missverständnisses

Neutral

  • japan
  • south-korea
  • china-continental
  • taiwan
  • hong-kong
  • philippines
  • vietnam
  • thailand

Nicht dokumentiert

  • middle-east
  • sub-saharan-africa
  • latin-america
  • indigenous-peoples

1. Die Geste und ihre erwartete Bedeutung

Zwei fast identische Gesten teilen sich dasselbe Handflattern. Im Westen bedeutet das Winken mit erhobener Hand zu einer sich entfernenden Person 'auf Wiedersehen'. In Japan sagt das temaneki (手招き) — ausgestreckte Hand mit der Handfläche nach unten, die Finger klappen mehrfach zur Handfläche — das genaue Gegenteil eines Abschieds: 'Komm her'. Dieselbe Konvention gilt auf den Philippinen, in Korea, China und Vietnam, wo das Heranwinken mit der Handfläche nach oben, erst recht mit gekrümmtem Zeigefinger, Tieren vorbehalten ist und gegenüber Personen als entwürdigend gilt. Dieser Eintrag behandelt die Achse Herbeirufen/Wegschicken; die umgekehrte Achse — das große westliche Abschiedswinken als Herbeirufen gelesen — behandelt e0071.

2. Wo es schiefgeht: Geographie des Missverständnisses

Das Missverständnis trifft zuerst das westliche Auge: das Flattern mit der Handfläche nach unten gleicht aufs Haar der verscheuchenden Geste — 'husch', 'geh weg', der Handrücken eines Herrn, der einen Diener entlässt. Ein japanischer oder philippinischer Gastgeber, der einen europäischen Besucher freundlich heranwinkt, riskiert, dass dieser beleidigt kehrtmacht — im Glauben, er sei abgefertigt worden. Das berühmteste Objekt dieses Missverständnisses ist die maneki-neko, die 'winkende Katze' japanischer Geschäfte: die erhobene Pfote, Handfläche zum Betrachter, vollführt ein temaneki — und westliche Augen sehen eine grüßende Katze, so sehr, dass Exportfiguren mit umgedrehter Pfote gefertigt werden, Handfläche zum Himmel, um einem westlichen Herbeiwinken zu ähneln (Wikipedia EN, Maneki-neko). In umgekehrter Richtung begeht ein Westler, der mit der Handfläche nach oben und gekrümmtem Zeigefinger winkt, auf den Philippinen und in weiten Teilen Südostasiens eine beleidigende Geste.

3. Historische Entstehung

Die Konvention des Heranwinkens mit der Handfläche nach unten ist in Ostasien alt, ihre früheste datierbare ikonographische Bezeugung ist jedoch japanisch: Utagawa Hiroshiges Farbholzschnitt Joruri-machi Hanka no zu (1852, späte Edo-Zeit) zeigt maru-shime no neko, Varianten der maneki-neko, auf einem Markt — Beleg dafür, dass die Geste der einladenden Katze bereits lexikalisiert war. Die vergleichende Gestenforschung (Morris 1977; Morris und Kollegen 1979; Axtell 1998) dokumentierte die Gabelung: Handfläche nach unten = Herbeirufen in Ost- und Südostasien, Handfläche nach unten = Wegschicken in Europa und Nordamerika, wo man mit der Handfläche nach oben heranwinkt.

4. Dokumentierte berühmte Vorfälle

Kein interkultureller Tier-1-Vorfall ist für diese Geste dokumentiert: drei angebliche Vorfälle in einer früheren Version dieses Eintrags (Verhandlung in Manila 2005, diplomatisches Protokoll in Tokio 2011, kommerzielle Spannung in Seoul 2013) beruhten auf keiner überprüfbaren Quelle und wurden entfernt. Die industrielle Anpassung der maneki-neko für den westlichen Markt — umgedrehte Pfote, Handfläche zum Himmel — bleibt die am besten dokumentierte materielle Spur des Missverständnisses (Wikipedia EN; National Geographic).

5. Praktische Empfehlungen

In Ost- und Südostasien mit der ganzen Hand und der Handfläche nach unten heranwinken; nie den gekrümmten Zeigefinger mit der Handfläche nach oben verwenden. Im Westen das Flattern eines asiatischen Gegenübers mit der Handfläche nach unten als Einladung lesen, nicht als Abfertigung. In beide Richtungen ist das Mittel dasselbe: Worte mit der Geste verbinden und den Kontext lesen — Lächeln, Blick, Distanz. Siehe auch e0071 (Abschiedswinken als Herbeirufen gelesen), e0068 (offene Handflächen) und e0064 (italienischer Handgelenkschwung).

Historischer Ursprung

Das Heranwinken mit der Handfläche nach unten ist eine alte ostasiatische Konvention; die früheste datierbare ikonographische Bezeugung ist Hiroshiges Druck Joruri-machi Hanka no zu (1852, späte Edo-Zeit) mit auf einem Markt verkauften maru-shime no neko. Die Gabelung dokumentieren Morris 1977, Morris und Kollegen 1979 und Axtell 1998: Handfläche nach unten = Herbeirufen in Asien, Wegschicken im Westen.

Praktische Empfehlungen

Zu tun

  • - En Occident, si un interlocuteur est-asiatique agite la paume vers le bas, comprendre 'viens ici' - En Asie, appeler quelqu'un paume vers le bas, doigts repliés vers soi - En cas de doute, joindre un mot ('venez', 'au revoir') au geste - Observer le contexte : distance, sourire, regard orientent la lecture

Zu vermeiden

  • - Ne pas interpréter le temaneki comme un congédiement - Ne pas appeler quelqu'un paume vers le haut avec l'index recourbé en Asie de l'Est et du Sud-Est : geste réservé aux animaux - Ne pas agiter de grands au revoir vers une personne proche : ambiguïté maximale - Ne pas répondre à un geste ambigu par de l'agacement : demander

Neutrale Alternativen

Quellen

  1. Morris, D. (1977). Manwatching: A Field Guide to Human Behaviour. Harry N. Abrams.
  2. Morris, D., Collett, P., Marsh, P. and O'Shaughnessy, M. (1979). Gestures: Their Origins and Distribution. Stein and Day.
  3. Axtell, R.E. (1998). Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World. John Wiley and Sons.
  4. Kendon, A. (2004). Gesture: Visible Action as Utterance. Cambridge University Press.
  5. Wikipedia EN (2026). Beckoning sign. —
  6. Wikipedia EN (2026). Maneki-neko. —
  7. National Geographic (2023). The fascinating history behind the popular waving lucky cat. —